Grenzen von Kontroversität in der religiösen Bildung
Theoretische und empirische Perspektiven
DOI:
https://doi.org/10.20377/rpb-1988Schlagworte:
Kontroversität, Religionsunterricht, Politische Bildung, Kontroverse Bildung, Kritische BildungAbstract
Kontroverse Bildungsprozesse sind ein viel diskutiertes Thema in der jüngeren religionsdidaktischen Forschung. Offen bleibt bisher jedoch, wo die Grenzen von Kontroversität liegen und wie diese im Unterricht etabliert werden können. Der vorliegende Beitrag versucht, mithilfe von Erkenntnissen aus dem thematisch verwandten Diskurs zur Bearbeitung politischer Sachverhalte einige Antwortperspektiven auf diese Frage zu entwickeln. Aus theoretischer Perspektive lassen sich drei Varianten der normativen Rahmung und Begrenzung von Kontroversität identifizieren: die freie Urteilsbildung innerhalb eines demokratischen Rahmens, das autonome Hinterfragen aller gesamtgesellschaftlichen Normative und das Etablieren kontroverser transformativer Positionen. Aus empirischer Perspektive zeichnet sich eine praktische Anschlussfähigkeit dieser Varianten ab. Darüber hinaus werden einige unterrichtspraktische Herausforderungen sichtbar, die in der Theorie kaum reflektiert sind. So fällt es vielen Religionslehrpersonen unter den gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen schwer, demokratische Kontroversitätsgrenzen zu etablieren. Vor allem fremdenfeindliche Schüler*innen reagieren auf eine Problematisierung ihrer Position häufig damit, dass sie dem Religionsunterricht eine einseitige Kritik an öffentlich tolerierten Positionen vorwerfen.
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